Von der Schulbank in den Schützengraben

„Mit 17 hat man noch Träume“, heißt es in einem alten Schlager. Mein Vater musste als 17-Jähriger gegen „Partisanen“ kämpfen. Und nach dem Krieg hatte er Albträume…


Josef Mönnighoff, Jahrgang 1927, besuchte die Volksschule in Scheidingen, die damals von einem aus dem Ruhrgebiet stammenden Lehrer geführt wurde. Dieser war Mitglied der NSDAP und ließ nach der Machtergreifung durch die Nazis das Kruzifix in der katholischen Volksschule entfernen, um es kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner wieder aufzuhängen. Nach dem Umschwung durfte er weiter unterrichten.

Josef litt unter den zunehmenden Schikanen des „braunen“ Pädagogen und verließ daraufhin die Scheidinger Erziehungsanstalt schon nach dreieinhalb Jahren. Er beendete seine schulische „Grundausbildung“ in Münster. Anschließend besuchte er die Knaben-Mittelschule, heute Erich-Klausener-Realschule in der Hauptstadt der Provinz Westfalen.

Mein Vater lebte im Haushalt seiner Tante am nördlichen Rand der Münsteraner Altstadt, gemeinsam mit einem Vetter und zwei Cousinen aus Lüdenscheid. Er berichtet von zahlreichen Bombennächten , von heulenden Luftminen und unbeschreiblicher Todesangst. Besonders in Erinnerung geblieben sind ihm die nächtlichen Luftangriffe im Jahr 1943, bei denen „seine“ Schule, die damals in Baracken an der Promenade in der Nähe des Zwingers untergebracht war, total zerstört wurde.

Münster lag nach rund 102 Bombardierungen durch die Alliierten in Schutt und Asche, neben Köln und Aachen war es die am stärksten zerstörte Stadt auf dem Gebiet des heutigen Landes Nordrhein-Westfalen. Man habe vom Bahnhof aus das Schloss sehen können, so wie es vorausgesagt worden sei, so Josef.

Die Sommerferien standen bevor. Aber wie sollte er wieder nach Hause kommen? Die Bahnstrecke zwischen Münster und Hamm war an mehreren Stellen unterbrochen. Josef packte seine wenige Habe in einen Koffer und machte sich mit einer Gruppe Reisender auf zur Bahnstrecke nach Dortmund, umgeben von Trümmerbergen und Bombenkratern. Ab der übernächsten Haltestelle fuhren wieder Züge ins Ruhrgebiet, so dass er über diesen Umweg und mit Hilfe fremder Menschen seinen Heimatort doch noch erreichen konnte.

Im Juli 1943 teilte der Rektor der Knaben-Mittelschule den Eltern mit, dass sämtliche Schüler und Lehrer in ihre neue „Kriegsheimat“, die Gaue München-Oberbayern und Salzburg, gebracht würden.

Die „Kinderlandverschickung“ führte meinen Vater am 5. August 1943 nach Bad Reichenhall, auf den harten Holzbänken der Deutschen Reichsbahn. Unterbrochen wurde dieser wenig komfortable Transport durch etliche Militär- und Lazarettzüge, die Vorrang genossen. Den Schülern war in weiser Voraussicht „befohlen“ worden, Reiseproviant für etwa 24 Stunden mitzunehmen.

Josef erinnert sich an die zahlreichen „Verzögerungen im Betriebsablauf“, die man in heutigen Friedenszeiten schon bei ein paar harmlosen Schneeflocken oder Blättern auf den Schienen erleben kann. Aber er schwärmt auch von der Schönheit der Berge, die er ab Rosenheim bestaunen konnte.

Als der Sonderzug schließlich nach seiner Marathon-Fahrt Bad Reichenhall erreichte, regnete es ununterbrochen. Aber man war noch nicht am Ziel. Nass bis auf die Haut und total erschöpft erreichte die Gruppe nach einem anstrengenden Fußmarsch das Hotel Karlstein, den provisorischen Schulstandort für die nächsten Wochen.

Die Begrüßung fiel alles andere als herzlich aus. In den Augen des Hotelchefs waren die Gäste aus Westfalen „Saupreißn“, die man am liebsten sofort wieder rausgeworfen hätte. So seien die nassen „Klamotten“, die man namentlich gekennzeichnet und gebündelt habe, völlig durcheinander von der Wäscherei zurückgegeben worden. Hauptsache, es passte einigermaßen!

Nach etwa zwei Monaten erneuter Standortwechsel: Umquartierung in den ebenfalls requirierten Gasthof Müllnerhorn an der Talstation der Seilbahn zum „Predigtstuhl“. Diese Herberge sei das genaue Gegenteil zu Karlstein gewesen: Nettes, freundliches, hilfsbereites Personal und weitaus bessere Verpflegung.

Im Oktober 1943 durfte Josef nach Hause reisen, ausnahmsweise und aus traurigem Anlass. Sein Bruder Theodor, der als Techniker bei der Luftwaffe im italienischen Bergamo diente, war mit 25 Jahren an Typhus verstorben.

Nach diesem Heimaturlaub ging´s wieder zurück in die bayerischen Alpen. Der Tagesablauf im „Lager“ war straff organisiert und prägte das Leben der Jugendlichen in der Fremde. Dieser Alltag wurde von gelegentlichen Ausflügen in die Bergwelt und Einsätzen bei der Hopfenernte unterbrochen. Aber das vorherrschende Gefühl im bayerischen Exil blieb Heimweh.

1944 war für Josef die Schulzeit plötzlich beendet, als er zum Reichsarbeitsdienst  (RAD) eingezogen wurde, einer paramilitärischen Organsisation. Das hieß: Auf nach Eisenkappel, eine Gemeinde in Kärnten am südlichsten Punkt Österreichs. Österreich gehörte seit dem „Anschluss“ 1938 zum Großdeutschen Reich. Der Drill im örtlichen RAD-Lager war kurz und schmerzhaft. So mussten die frischgebackenen Arbeitsdienstmänner z. B. mit blanken Unterarmen über den Kies des Kasernenhofes robben, begleitet von unflätigen Beschimpfungen des „Schleifers“. Einer dieser „Ausbilder“ sei später auf dem Münchner Hauptbahnhof von Unbekannten erschossen worden, vermutlich ein Racheakt.

Anstelle eines Klappspatens, dem Erkennungszeichen des RAD, bekam der 17-Jährige sofort einen alten Karabiner in die Hand gedrückt und sollte fortan im so genannten „Bandenkampfgebiet“ gegen Marschall Titos „Partisanen“ kämpfen, also gegen Widerstandskämpfer der slowenischen Volksgruppe. Marschbefehl in Richtung Seebergsattel, einem Gebirgspass in den Karawanken, der Kärnten mit der slowenischen Region Oberkrain verbindet. Unterbringung in Baracken auf 1.215 Meter; Hunger, Durst und nächtliche Feuerüberfälle.

Von etwa 100 Arbeitsdienstmännern, die den Berg hinaufgestiegen waren, überlebten nur ein gutes Dutzend den gefährlichen Einsatz. Einer von ihnen war mein Vater, dem es unter vielen Schwierigkeiten gelang, in die Heimat zurückzukehren. Bis zum Einmarsch der Amerikaner im April 1945 versteckte er sich auf dem elterlichen Hof in Scheidingen.

Josef hatte Glück im Unglück, anders als seine Brüder Theodor und Franz, die beide den Krieg nicht überlebten.

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