Edgar Wallace lässt grüßen

Stumm recken sie ihre entblößten Holzkörper in den bläulich gefärbten Abendhimmel: Die Linden auf dem ehemaligen Gottesacker an der Kirche St. Peter und Paul in Scheidingen, im Herzen Westfalens, bieten fürwahr einen gespenstischen Anblick. Befreit von morschem Geäst und Totholz wirken ihre nackten Stämme wie knochige Zeigefinger, die mahnend den Weg ins Jenseits weisen.

 

 Schon bei den Germanen galt die Linde als heiliger Baum, der der Fruchtbarkeitsgöttin Freya geweiht war, während die Eiche dem Donnergott Thor vorbehalten blieb. Später diente die Linde als Symbol für Heimat, Gemeinschaft und Gerechtigkeit und durfte nicht beschädigt oder gar gefällt werden.

Zweifellos spielte dieser schattenspendende, duftende und sommergrüne Laubbaum eine wichtige Rolle im Leben unserer Vorfahren, auch als Glücksbringer. Das erkennt man z. B. noch heute an Bezeichnungen wie Dorf-, Tanz- oder Gerichtslinde. Viele Wirtshäuser gaben sich den Namen „Zur Linde“, als an „Sonu“ und seine indische Küche noch lange nicht zu denken war. Und die „Lindenstraße“ hat sich wider Erwarten zu einem TV-Dauerbrenner entwickelt. Vermutlich liegt das vor allem am Titel dieser Fernsehserie.

Linden können viele Hundert Jahre alt werden; die älteste soll angeblich seit mehr als 1.200 Jahren im hessischen Schenklengsfeld stehen. Ganz so betagt sind unsere Scheidinger Kirchlinden aber noch nicht. Das heißt, der heilige Swidbert wird sie auf seiner Missionsreise vor 1.300 Jahren nicht zu Gesicht bekommen haben.

Wenn aber Edgar Wallace noch unter uns weilen würde, dann hätten ihn wahrscheinlich gerade diese Linden aufgrund der radikalen „Schönheits-OP“ zu einem neuen Krimi inspiriert: „Die toten Finger im Herzen Westfalens“ oder „Der schwarze Abt, Teil II“.

Übrigens: Der schwarze Abt trieb erstmals 1963 auf der Leinwand sein Unwesen. Die Außenaufnahmen entstanden u.a. beim Jagdschloss Herdringen nahe Arnsberg. Falls es zu einer Fortsetzung dieses Schwarz-Weiß-Klassikers käme, wäre der Scheidinger Schauplatz dank seiner zentralen Lage und gruseligen Kulisse geradezu ideal. Für die Innenaufnahmen böte sich das Welveraner Rathaus an, weil dort schon seit Jahrzehnten Theater gespielt wird, mit grandiosen Kampfszenen und viel Lärm um nichts.

Die Rollen für den neuen Edgar-Wallace-Film müssten auch noch besetzt werden. Aus verständlichen Gründen stehen die meisten der damaligen Hauptdarsteller wie z. B. Blacky Fuchsberger, Karin Dor und Klaus Kinski für ein Casting heute leider nicht mehr zur Verfügung.

Wir dürfen also auf das Auswahlverfahren gespannt sein, auf talentierte Nachwuchsschauspieler, die sich als starke Helden, schöne Frauen oder diabolische Filmbösewichter bewerben können. Komische Figuren wie Eddi Arent werden auch noch gesucht. Und wenn die letzte Klappe fällt, wird es hoffentlich wieder grünen und blühen, wo wir uns finden wohl unter Linden…

 

And here for the English translation:

Edgar Wallace is speaking to us

Silently they stretch their bare wooden bodies in the blue tinged evening sky. The lime trees on the former graveyard at the church St. Peter and Paul in Scheidingen, in the heart of Westphalia, give forsooth the impression of a spooky scene. Liberated from brittle brunches and deadwood, their naked trunks appear like gnarled pointing fingers, which forewarn the way to the afterlife.

Already among the Teutons, the lime tree was considered a sacred tree, which was dedicated to the fertility goddess Freya, while the oak was reserved for the god of thunder Thor. Later, the lime tree served as a symbol of home, community and justice and was not allowed to be damaged or even felled.

Undoubtedly, this shade-giving, fragrant and deciduous tree played an important role in the lives of our ancestors and even as a lucky charm. This can be seen e. g. even today in designations such as village, dance or court lime tree. Many taverns gave themselves the name „Zur Linde“, when „Sonu“ and his Indian cuisine was out of the question for a long time. And the „Lindenstraße“ has developed, contrary to expectations, into a long-running TV series. Presumably, due mainly to the title of this program.

Lime trees can live for many hundreds of years; the oldest said to be in Schenklengsfeld in Hesse where it has stood for more than 1,200 years. Our Scheidinger church´s lime trees are not yet quite so old. In other words, St. Swidbert will not have seen them on his missionary journey 1,300 years ago.

But if Edgar Wallace were still among us, it would probably have inspired him to write a new thriller because of the radical „beauty surgery“ to a new thriller: „The dead fingers in the heart of Westphalia“ or „The Black Abbot, Part II“.

By the way: The black abbot first drove his mischief on the screen in 1963. The exterior shots were partly filmed at the hunting lodge Herdringen near Arnsberg. If there were a sequel of this black and white classic, Scheidingen would be ideal with this setting thanks to its central location and spooky backdrop. For the interior shots, Welver town hall would be perfect; indeed, plays have been staged there for decades, with great fighting scenes and much ado about nothing.

The roles for the new Edgar Wallace film would also have to be filled. Unfortunately, for understandable reasons, most of the then main actors such as Blacky Fuchsberger, Karin Dor and Klaus Kinski are no longer available for casting.

So we can look forward to the selection process, to talented up-and-coming actors who can compete as strong heroes, beautiful women or diabolical movie villains. Funny characters like Eddi Arent are also still being searched for. And when the clapperboard falls for the last time, it will hopefully be green again and blossoming, where we gather `neath the lime trees…

 

 

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