Ein Fall von Hofberichterstattung

Am 15. Februar 2022 berichtete der Soester Anzeiger über den Besuch des Technikteams der Pfarrei St. Maria in Rom. „Welver zu Gast beim Papst“, lautete die bombastische Überschrift, als ob der Bürgermeister der Großgemeinde in offizieller Mission zu einer Privataudienz beim Heiligen Vater geladen wäre.

Auf wundersame Weise wurde der Autor des Reiseberichtes, ein 15-jähriges Mitglied dieser Jugendgruppe, im Artikel zum Pfarrer „befördert“. Das war ein Fehler, für den die Zeitung am Tag danach um Entschuldigung bat. Schwamm drüber, jeder macht mal einen Fehler. Aber nicht jeder verträgt so viel (Presse-)Weihrauch!

Denn so mancher Abonnent reibt sich verwundert die Augen: Dieser Bericht aus dem Vatikan, für den er zur Kasse gebeten wird, ist bis auf wenige Abweichungen auch auf der homepage der Pfarrgemeinde St. Maria zu finden, unter dem Titel „Shake hands mit dem Papst“. Aber nicht nur dort: Erstmals erscheint der Text am 14. Februar 2022 in einem sogenannten Internet-Glaubensportal („youpax“) des Erzbistums Paderborn, bevor der Anzeiger das Material ohne Quellenangabe nahezu wortwörtlich übernimmt.

Der Soester Anzeiger hat in den vergangenen Jahren einen erheblichen Teil seiner Auflage eingebüßt, aus verschiedenen Gründen. Bei allem Verständnis für die schwierige Lage der Lokalpresse in nachrichtenarmen „Corona“-Zeiten: Wer sich nicht an die journalistischen Grundregeln hält, riskiert seine Glaubwürdigkeit und verliert weitere Kunden.

Aber noch gibt es sie: Leserinnen und Leser, die Wert auf Qualität legen, auf sorgfältige Recherche, Objektivität und journalistische Unabhängigkeit. Und Redakteure, die PR-Texte (Werbung) von Unternehmen und Institutionen und redaktionelle Beiträge sauber trennen und Fakten von Meinungen unterscheiden können. Hoffen wir, dass das auch in Zukunft so bleibt!

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